JOHANNESPASSION von HEINRICH SCHÜTZ in der Karwoche

in der Bearbeitung von Arnold Mendelssohn

Nach den zwei schönen Aufführungen des Weihnachtsoratoriums im Dezember 2023 in Dettenhausen und Waldenbuch beschäftigt sich die Kantorei seit Jahresbeginn mit ihrem neuen Programm.

Lange haben wir keine Passionsmusik mehr aufgeführt und noch länger keine Passion von Heinrich Schütz! Dieser schrieb im hohen Alter von fast 80 Jahren drei Passionen nach Matthäus, Lukas und Johannes, die sich grundlegend von den Bachschen Passionen mit ihren großen Chören, Chorälen, Arien und Rezitativen unterscheiden. Der Passionsbericht wird bei Schütz unbegleitet vom Evangelisten und den handelnden Personen, darunter auch kurze Volkschöre, vorgetragen. Nirgends gibt es betrachtende Choräle, Rezitative oder Arien, die das Geschehen kommentieren. Außer den beiden kurzen Einleitungs- und Schlußchören konzentriert sich alles auf die biblische Passionserzählung in der Übersetzung von Martin Luther, die Schütz kongenial in die Musik übersetzt.

Am Palmsonntag in Waldenbuch und im Karfreitagsgottesdienst in Dettenhausen singen wir seine Johannes-Passion, die erstmals 1666 unter dem Titel Historia des Leidens und Sterbens unsers Herrn und Heilandes Jesu Christi nach dem Evangelisten St. Johannes am Karfreitag in der Dresdner Schloßkirche erklang.

Nach dem Tod von Schütz galten seine Werke rasch als veraltet und gerieten in Vergessenheit, bevor sie im 19. Jahrhundert wiederentdeckt und neu herausgegeben wurden. Der Notentext wurde neben einer dem Original nahekommenden Gesamtausgabe auch im Stile der Zeit bearbeitet, um Laienchören einen leichteren Zugang zu den unbekannten Werken zu verschaffen.

Der Komponist Arnold Mendelssohn (1855-1933), ein Neffe zweiten Grades von Felix Mendelssohn Bartholdy, der seinen berühmten Onkel allerdings nie kennengelernt hat, da er erst erst acht Jahre nach dessen Tod zur Welt kam, war einer der Pioniere dieser frühen Schütz-Renaissance. Er wirkte zunächst als Kirchenmusiker in Bonn, wo er den musikbegeisterten Theologen Friedrich Spitta kennenlernte, dessen Bruder Philipp einer der Begründer der modernen Musikwissenschaft war. Der Vater der beiden Brüder war der Theologe und Kirchenlieddichter Philipp Spitta. Sein Sohn Philipp verfasste eine große, bis heute berühmte zweibändigen Bach-Biographie und war Herausgeber der ersten Gesamtausgaben der Werke von Schütz und Buxtehude. Der 11 Jahre jüngere Bruder Friedrich Spitta wiederum veranlaßte seinen Komponistenfreund Arnold Mendelssohn zu praktischen Neuausgaben der Werke von Heinrich Schütz, dessen Musik Friedrich Spitta für den evangelischen Gottesdienst als wegweisend einstufte. Die ursprünglich rein vokal konzipierten Passionen – in der Passionszeit mußten am Dresdner Hof die Instrumente schweigen – versah Arnold Mendelssohn für den praktischen Gebrauch mit einer Orgelbegleitung, rhythmisierte die Solistenpartien und fügte Choräle hinzu, die neben dem Chor auch die Gemeinde singen konnte. In diesen Fassungen erklang 1880 in Bonn erstmals wieder die Matthäuspassion und im Jahr darauf die Johannespassion von Heinrich Schütz, in denen Friedrich Spitta, der später als Theologieprofessor nach Straßburg ging, den Evangelistenpart übernahm.

In unseren Aufführungen am Palmsonntag und Karfreitag wird diese selten zu hörende Bearbeitung, in der neben der Kantorei auch drei Solisten und die Orgel beteiligt sind zur Aufführung kommen.

Zu beiden Veranstaltungen laden wir bei freiem Eintritt sehr herzlich ein!

Th. Schäfer-Winter